
Echt jetzt?
Heute habe ich auf LinkedIn einen Post gesehen. Ein CEO, irgendeine Consulting-Firma, ein Bild mit einer einfachen Rechenaufgabe. Der Tenor: Wie schnell kannst du sie lösen? Angeblich schaffen es 95 % der Menschen nur mit KI oder brauchen länger als eine Minute. Und natürlich folgt am Ende der moralische Unterton: Sei authentisch. Denk selbst. Verlass dich nicht auf KI.
Und ja …, der Post hat mich getriggert.
Nicht wegen der Rechenaufgabe. Nicht einmal primär wegen KI. Sondern wegen dem, was zwischen den Zeilen mitschwingt.
Mich irritiert diese scheinbar harmlose Selbstverständlichkeit, mit der Menschen immer wieder verglichen, sortiert und bewertet werden (oder sollte ich ehrlicher sagen: es kotzt mich an?). Als wäre das selbstverständlich. Als wäre das neutral. In Wahrheit ist es hochwirksam. Es erzeugt Druck, Angst, Enge und dieses altbekannte Gefühl von „nicht genug“, “Ich bin falsch, wenn ich nicht passe”.
Eine Rechenaufgabe wird plötzlich zur Messlatte für Intelligenz. Geschwindigkeit wird mit Wert verwechselt. Wer zögert, blockiert, nachdenkt oder sich Unterstützung holt, landet automatisch auf der vermeintlich falschen Seite. Dabei wissen wir alle (meine Annahme): Fähigkeiten sind nicht gleichmäßig verteilt. Sie sind kontextabhängig, emotional gefärbt, biografisch geprägt. Und sie sagen nichts über den Wert eines Menschen aus.
Es gibt Menschen, die sehen Zahlen und blühen auf. Andere sehen dieselben Zahlen und spüren Stress, Enge, alte Schulerfahrungen, Leistungsdruck. Macht sie das schlechter? Natürlich nicht. Es sagt nur etwas über eine einzelne Fähigkeit in einem künstlichen Szenario und zeigt lediglich, dass Menschen unterschiedlich sind. Punkt.
Und dann dieses 95-gegen-5-Narrativ. Als müssten wir immer sofort wissen, wer oben ist und wer unten. Wer dazugehört und wer nicht. Wer schnell genug ist. Wer „mithalten“ kann. Wer entscheidet das eigentlich? Und warum genau diese Fähigkeit? Würden wir dasselbe Experiment mit Farberkennung, emotionaler Wahrnehmung, räumlichem Denken oder sozialer Intuition machen, sähen die Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit anders aus. Jeder Mensch bringt hochindividuelle Stärken mit. Aber: Individualität stört, wenn man standardisieren will.
Doch, ich habe mich ernsthaft gefragt: Wenn ich mich auf dieses Spiel einlasse, was bedeutet das dann konkret für mich?
Ich habe die Aufgabe ohne KI in 17 Sekunden gelöst. Also gehöre ich zu diesen 5 % der “Elite”. Aber dann doch bitte, wo genau innerhalb dieser 5 %? Bin ich eher oben? Eher unten? Bin ich näher an der Elite oder nur knapp über der Grenze? Bin ich jetzt kompetenter als jemand, der 45 Sekunden gebraucht hat? Oder als jemand, der KI genutzt hat?
Und spätestens da wird klar, wie absurd das Ganze ist.
Denn was würde sich real ändern, je nach Antwort?
Würde ich ein besserer Mensch sein? Ein besserer Leader? Ein klarerer Denker? Würde ich bessere Entscheidungen treffen? Würde ich empathischer, verantwortungsvoller, präsenter führen?
Natürlich nicht.
Diese Einteilung sagt nichts über Denken aus. Nichts über Urteilsfähigkeit. Nichts über Integrität oder Verantwortung. Sie befriedigt nur einen alten, tief verankerten Wettbewerbsreflex: Wer ist schneller? Wer ist besser? Wer ist mehr wert?
Und dann wird KI zum moralischen Prügelknaben. Wer sie nutzt, gilt als abhängig. Als unselbstständig. Als weniger authentisch. Das ist eine gefährlich verkürzte Sicht. Menschen haben schon immer Werkzeuge genutzt. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Intelligenz. Entscheidend ist nicht, ob ich ein Werkzeug nutze. Entscheidend ist, wer denkt, wer bewertet, wer entscheidet – und wer die Verantwortung trägt.
Für mich ist klar: KI kann analysieren, Muster erkennen, Ideen liefern, Verbindungen herstellen. Sie kann mein “Denkraum” sein. Aber sie denkt nicht für mich. Sie entscheidet nicht für mich. Und sie trägt keine Verantwortung für die Konsequenzen. Das tue ich. Und genau dort liegt für mich der Kern von Menschlichkeit – und von Führung.
Ich bin kein Standard. Keine Best Practice. Kein Prozentwert. Kein Modell. Kein Benchmark.
Ich bin Boris Nedwed. Mit meinen Gedanken, Werten, Zweifeln, Gefühlen und Entscheidungen. Ob ich eine Aufgabe in 17 Sekunden löse, in einer Minute oder mit Unterstützung, sagt nichts darüber aus, wer ich bin – und schon gar nichts darüber, wie ich führe, denke oder Verantwortung übernehme.
Vielleicht triggert uns so ein Post genau deshalb: weil er zeigt, wie schnell wir bereit sind, Komplexität zu reduzieren, um uns selbst oder andere einordnen zu können. Und weil viele von uns ihr ganzes Leben lang gespürt haben, wie schmerzhaft es ist, nicht gesehen zu werden, wenn man nicht ins “gerade angesagte Raster” passt.
Das hier ist kein Angriff. Es ist eine Erinnerung.
Eine Erinnerung daran, dass
Einzigartigkeit nicht effizient ist.
Nicht vergleichbar.
Nicht skalierbar.
Und genau deshalb menschlich.




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